AND THE GOLDEN CHOIR – Sehnsucht als musikalische Triebfeder – Konzert Review

AND THE GOLDEN CHOIR – 13.03.2018, Societaetstheater, Dresden –

geschrieben von Torsten Arndt

Es ist nicht so, dass ich durcheinander komme, aber war Tobias Siebert nicht eben noch mit Klez.e auf ‚Desintegration-Tour‘? Und nun ist die ‚Breaking with habits-Tour‘ auch schon ein paar Tagen alt. Wie macht er das nur? Licht aus im Klez.e Orbit und den goldenen Spot auf den Chor? Ist es so einfach? Der Übergang, fliessend, nahtlos. Der kreative Output, schier unerschöpflich. Die Band, charmant. Und das Konzert?

Donauwellen aus Pop

Startet erstmal mit Danube. Danube sind in Person Stella Lindner, begleitet von Daniel Moheit (Keys) und Filip Pampuch (Drums). Die poppig klassische Stimme von Frau Lindner benetzt jede Ecke des Societaetstheaters abwechselnd mit spaltenden Zweifeln oder überschwänglicher Liebe. Die Bühne des Societaetstheaters im Herzen der inneren Neustadt ist gerade eher Kirche als Theater. Hoheit und Pampuch verrühren Massiv Attack mit den ruhigen Editors, während Lindner liebevoll und unverbraucht über die Untiefen im Leben klagt. Bewusst gesetzter Gesang, mit Bedacht versilberte Wort, welche nie langweilen. Die Mischung ist herausragend. Der Einstieg ist famos gelungen. Danke!

 

 

Nun darf ich genau das erleben, was ich mir am Ende meines letzten And The Golden Choir Reviews gewünscht hatte. Tobias Siebert mit Band! Denn rund um das musikalische Qualitätssiegel Siebert gesellten sich nämlich noch Daniel Moheit (keys), Daniel Spindler (klim bim), Tilo Weber (drums) und Johanna Weckesser (guitar). Und dann stehen da auf der Bühne noch so Holzkisten, Kangdingens, eben solche schrägen Musikteile und Sachen zum Drehen und Zupfen.

Schmugglerkisten

Meine Gott, ich habe überhaupt keine Ahnung was der goldene Chor alles an Instrumenten aufgefahren hat. Und wie es nicht anderes zu erwarten war, benutzen sie auch alle „Kisten“ und ich höre beim fantastisch abgemischten Sound auch jedes „Kistchen“ heraus, nur allein bei deren Herkunft oder Zuordnung zu etwaigen Instrumenten-Klassen bin ich raus. Sind das Dachbodenfunde, Erbstücke, Maßanfertigungen? Ich habe keine Ahnung.
Aber diese Instrumente und die Stimme von Tobias Siebert machen den Sound der Band einfach unverwechselbar. Die Kombination extravaganter Klangkomponente mit herkömmlichen Beats und den Stimmen auf der Bühne ist in jedem Song anzutreffen. Das geht bei Jewelry los, weiter bei Clocks, My Lies bis hin zu Air Fire Water. Eine gewisse musikalische Theatralik und Hang zur Extravaganz ist nicht von der Hand zu weisen. Aber das passt zusammen. Immer wieder tritt die Instrumentalisierung in den Hintergrund und die vielen Stimmen des Chors bekommen Raum zu Entfaltung. Das ist aussergewöhnlich gut arrangiert. Der sitzende Fan im Socie quittiert das regelmässig mit „Bravo“, „Super“ oder „tolle Band hast du“ Rufen.
Ohne viel Worte – gänzlich aufs Musikalische reduziert – schlängelt sich dieses Konzert durch die Sitzreihen des Theaters. How to conquer a land oder Into the Ocean zeugen von Fernweh und nehmen auch mich an Bord des sehnsuchtsvollen Chors gefangen. Die Songs fühlen sich offen an, nicht abgedichtet, ewig suchend und ergänzend. And The Golden Choir kreieren ihren eigenen Harmonie-Kosmos. Das beeindruckt scheinbar nicht nur mich. In manchen Momenten zwischen den Songs hätte man sogar den explosiven Aufprall einer Stecknadel hören können. Andacht pur.

Heimliche Liebe

Trotz aller Besonderheiten und unterschwelliger Extravaganz ist das Bild, welches die Band an diesem famosen Abend abgibt, ein zurückhaltendes, von Understatement geprägten und offenes. Das macht sie so liebenswert. Neben den neuen Songs vom aktuellen Album Breaking with Habits schmuggeln sie immergrüne Highlights wie My brother’s homeChose to loose oder Dead End Street. Selbst diese Auswahl ist vortrefflich gelungen.

Und was ist das denn für eine bezaubernde Gitarristin? Schüchtern, bescheiden und zart lächelnd schiebt sie ohne Pause der Siebertschen Kogge ihre Saitenklänge unter. Das ist entzückend. Ich glaube, zum Schluss habe mich ein kleines bisschen in Frau Weckesser verliebt. Huch.

 

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