Am Abgrund der menschlichen Seele: Lucy Kruger & The Lost Boys im KuBa Jena

-geschrieben von Sandra –

Lucy Kruger & The Lost Boys l 28.02.26 l KuBa Jena

Als der letzte Ton der Zugabe verklingt, scheine ich das erste Mal wieder auszuatmen: Die fast zwei Stunden davor hieß es, Luft anhalten – und wie gebannt zuschauen, zuhören, mitfühlen, mitleiden bei diesem musikalischen Trip durch die Abgründe der menschlichen Seele. Ja, es war ein ganz besonders intensiver, spannender, düsterer, auch fordernder, vor allem aber faszinierender Abend mit Lucy Kruger & The Lost Boys im KuBa in Jena. Und es gab starke Musik zu erleben – mal ganz leise, mal krach-laut, mal von Klangeffekten untermalt, mal von gesprochenen Texten unterbrochen. Im wahrsten Wortsinne: Atemberaubend.

Im Zentrum dieses musikalischen „Ereignisses“ steht die in Südafrika geborene Sängerin Lucy Kruger. An diesem Abend erscheint sie in einem weißen halb-transparenten Tüllkleid auf der Bühne, auf mich wirkt sie in diesem Outfit mal wie ein Engel, ein Kind, eine Predigerin, ein Racheengel, ein Geist…

Copyright: Heike Schmidt (Zweikanal Music)

Ganz so, wie sich auch ihre Songs mit den düsteren Seiten der menschlichen Gefühlswelt beschäftigen: Trennung und Schmerz, Kindheit ohne Liebe, Todessehnsucht und Verlust, Abschied, Verzweiflung und die Suche nach der eigenen Identität. Dazu passt eine Stimme, die mal voll und dunkel sein kann, aber auch ganz dünn und zart und so hoch, dass es fast wehtut, weiter zuzuhören. Begleitet wird die inzwischen in Berlin lebende Künstlerin von den The Lost Boys (die übrigens zur Hälfte Frauen sind!) und mit Geige (toller Support – Jonny!), E-Gitarren, Bass und Schlagzeug einen richtig starken Sound in den kleinen KuBa-Saal schmettern. 

Zusammen bilden sie ein echtes Sound-Erlebnis. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir der Song „Reaching“, der fast alptraumhaft, drängend, düster, sich immer weiter und weiter steigernd daherkommt, um dann plötzlich abrupt in Stille zu enden. Oder der Song „Howl“, wo die verzerrte Geige, die kreischende Stimme und die drängenden Gitarren eine fast dystopische Klangwelt erzeugen. Schaurig schön. Oder bei Burning Building, wo der musikalisch nachempfundene Horror-Trip in ein paar gesprochenen Zeilen gipfelt. Noch verstärkt wird dieser Eindruck von den völlig abwesend in die Ferne schauenden Augen der Künstlerin, die dann aber ganz plötzlich ihren Blick auf dich richten kann: Auf dich? Durch dich durch? Oder in dich hinein?

Copyright: Heike Schmidt (Zweikanal Music)

Er ging buchstäblich unter die Haut, dieser Abend. Zum dritten oder vierten Mal sei sie inzwischen schon in Jena, erzählt sie in den wenigen Worten, die sie mal ans Publikum richtet. Und endlich kämen auch mal Leute. Und weiter: „Danke, dass ihr Vertrauen in mich habt.“ Dark Pop nennt sich wohl die Schublade, in die die Musikkritik Lucy Kruger und ihr Bandprojekt inzwischen einsortiert hat. Ich glaube, da wird sie sich nicht lange drin wohlfühlen. Es bleibt spannend, was wir von ihr wohl noch erleben werden.

Eure Sandra

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Copyright: Heike Schmidt (Zweikanal Music)

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